Specials für Künstlerkollegen

Immer wieder und sehr gern arbeite ich mit Künstlern, Galeristen, Betreibern von Kunstschulen und anderen Kreative zusammen. Sei es, dass ich für sie Bücher, Kataloge oder Flyer gestalte, Texte schreibe, Reden bei Eröffnungen halte, oder mit ihnen einfach nur über ihre Arbeit oder die nächste Ausstellung diskutiere.

Gestaltung für Künstler

Schreiben für Künstler – I

Text für die Werkserie "Samurai" von Claudia Fährenkemper

© Foto Samurai: Claudia Fährenkemper
© Foto Samurai: Claudia Fährenkemper

Eine Offenbarung

 

Die Pracht der Harnische ist das erste, was ins Auge springt. Die delikate Farbgebung, ihre Detailliertheit und Materialität, die Balance aus Filigranität und Robustheit, das zauberhafte Zusammenspiel 

unendlich vieler Einzelheiten. Wir sehen Verbrämungen aus Gold, Fell, Haaren und Metall, Lackdekore und Lederpanzer, kontrastiert von zartmaschigen Netzgewirken, kunstvoll geschnürten Kordeln  und Textilien mit dezenten, grafisch-abstrakten Mustern.

 

Die Samurai Rüstungen sind herausgelöst aus ihrem musealen Kontext, sie stehen vor monochromem Hintergrund, es ist das Setting der klassischen Studiofotografie. Geht es der Künstlerin um das Feiern einer grandiosen Handwerkskunst, um Dokumentation einer einzigartigen Kriegerkultur oder gar um kunstgeschichtliche Verortung der Objekte?

 

Bei längerer Betrachtung schiebt sich unweigerlich eine ganz andere Frage in den Vordergrund, die weniger das Abgebildete als vielmehr das nicht Abbildbare betrifft: Was waren das eigentlich für Gestalten, die da drinsteckten? Claudia Fährenkemper liefert in ihren Reflektionen den Schlüssel zu dieser Frage. Sie spricht, egal, ob es sich um Pflanzen, Tiere, Strukturen oder Dinge handelt, bei ihren Werkreihen konsequent von Portraits. Damit sprengt sie den kunstgeschichtlich eingerasteten Begriff, der im eigentlichen Sinne lediglich die Darstellung von Personen meint. Die Sujets von Claudia Fährenkemper sind hingegen Pflanzensamen, Kristalle, Amphibienlarven, Insekten und Rüstungen, doch eines sind sie definitiv nicht: Personen. Aber dennoch scheinen ihre Sujets gewissermaßen zu leben, jedes hat seine Ausstrahlung, seine Eigenart, seinen Charakter. Und rufen die derart Portraitierten nicht allesamt Erinnerungen hervor, manchmal die Erinnerung an leibhaftige Personen? 

 

Doch wie gelingt der Künstlerin das? Denn die Insekten und Larven sind tot, die Rüstungen sind leer. Claudia Fährenkemper begibt sich auf die langwierige und minutiöse Suche nach der Präsenz von etwas Abwesendem, und dafür erforscht sie Oberflächen, sie erforscht sie so lange und so intensiv, bis sich in ihnen eine immense Tiefe offenbart. Damit tangiert sie die große Frage nach der Beseeltheit der Natur und sogar der Dinge. Sich dieser Frage zu entziehen, gelingt vor ihren Arbeiten kaum.

 

Zurück zu den Samurai: zu den leeren Hüllen, die den japanischen Kriegeradel seinerzeit schützen oder auch nur repräsentieren sollten. Sie waren Indizien für Unverletzlichkeit, Macht, Status und Rang, erzeugten Eindruck und individuelle Erkennbarkeit. Aber bedienen wir uns heute nicht ganz ähnlicher Indizien? Mit all unseren Ausrüstungen für Alltag und Freizeit, die mit ihren unzähligen Features um die Wette eifern? So schlagen die Samurai Portraits von Claudia Fährenkemper unversehens eine Brücke über Zeiten und Orte hinweg, sie richten ihre Fragen direkt an uns im Hier und Jetzt.

Schreiben für Künstler – II

Text für die Werkmonographie "Unter Verschluß"  von Cornelia Vischer, 2016

@Fotos: Cornelia Vischer
@Fotos: Cornelia Vischer

 

Vom Verschwinden

 

Eines Tages kam dieser Anruf. Wir kannten uns entfernt und sie fragte mich, ob ich einen Blick auf ihre Fotografien werfen möge, ob man vielleicht einen Flyer machen könne, eine Einladung. Es ginge um Aufnahmen für die Münchner Abendzeitung, Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts entstanden. Sie sollten 2016 in München ausgestellt werden. Erstmalig, wie ich hörte. Die Aufnahmen waren über 30 Jahre unter Verschluss geblieben, kaum jemand außer mir hatte sie in diesem Umfang bisher zu Gesicht bekommen. 

 

Es gab Kaffee, wir plauderten, schlenderten durchs Wohnzimmer, jemand schnitt die Rosen und ich betrachtete die Kunst an den Wänden. Auf dem Esszimmertisch ein iMac, so einer, wie er auch bei mir steht. Für eine ausreichende Bildgröße war also gesorgt. Ordner eins, Kinderbilder. Gute Kinderbilder, technisch sauber, sicher komponiert, gut beobachtet. Aber Kinderbilder. Es ist ganz allein mein Problem, das mit den Kinderbildern. Ich urteile manchmal schnell, manchmal auch zu schnell. In diesem Fall verbot ich mir das. Ordner zwei. Ein Schock. Katharina Thalbach, ganz jung, ganz bei sich, Riesenaugen, ein Blick, der sinnend, träumend, gedankenverloren rausfliegt aus dem Bild, ein Blick, der aus allem rausfliegt. Ein Moment intimer Unverstelltheit und großer Verletzlichkeit, als sei die auf sie gerichtete 

Kamera gar nicht vorhanden. Solch ein Bild macht man nicht einfach so. 

 

Das Konvolut an Arbeiten war eine Art Zeitkapsel, die nach und nach geöffnet wurde. Goldgräberstimmung tat sich auf, es fühlte sich an, wie in einen Rausch zu geraten. Alle Portraits, die folgten, waren von ähnlicher Intensität und Offenheit. Sie bezeugen ein Nahekommen, das nicht auf hohen Brennweiten beruht und das vor allem auf jeglichen Voyeurismus verzichtet. Insbesondere bei Prominenten fällt auf, dass sie bei Cornelia Vischer auf Rolle, Pose und Fassade verzichten. Auf eine gewisse Art wollten diese Aufnahmen, wollte diese Fotografin offenbar nichts von demjenigen, der vor der Kamera stand. Cornelia Vischer ermöglicht es den Portraitierten, im wahrsten Wortsinn zu sich zu kommen. Die große Meisterschaft dieser Fotografin liegt in ihrer vollendeten Diskretion, und dazu braucht es eine überaus seltene Gabe: die Fähigkeit, sich selbst vollkommen zurückzunehmen, hinter der Kamera quasi verschwinden zu können. Mir fallen große Namen ein, bei denen es auch so ist. August Sander und Barbara Klemm. Ein Flyer wäre das Unangemessenste gewesen, was ich mir für diese Aufnahmen hätte vorstellen können. 

 

Nahezu aufgewühlt hat mich das Portrait des Schweizer Schriftstellers Jürg Amann. In einem Nachruf auf ihn in der NZZ war zu lesen „Jürg Amann hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er selbst dann, wenn er in seinen Büchern nach Thomas Bernhard oder Franz Kafka oder Robert Walser klang, so schrieb, weil er nicht anders konnte: weil er sich fand, indem er sich in anderen verlor“. Es ist überwältigend, was Cornelia Vischer mit dieser Aufnahme gelingt. Eine irritierende Mischung aus individuellem, zeit- und ortsgebundenem Portrait und etwas durchscheinend Anderem, ewig Gültigem. Und das Andere ist in diesem Fall, Physiognomie und Kopfhaltung tragen sicher auch einen Teil dazu bei, nichts geringeres als die im historischen Bildgedächtnis verankerte, aus vielen Darstellungen zu einem Überbild zusammengeschmolzene Ikone des Schmerzensmannes. 

 

Es wird keine leichte Aufgabe gewesen sein, mit Bert Stern einen Kollegen von Weltruhm ablichten zu müssen. Auf einer der beiden Aufnahmen hat er eine gewaltige Skepsis im Blick, er wirkt steif, misstrauisch und verschlossen. Es muss eine der ersten Aufnahmen des Settings gewesen sein. Denn auf der anderen Aufnahme ist sichtlich etwas mit ihm geschehen, die Situation hat sich erheblich entspannt. Er scheint Vertrauen gefasst zu haben, wie er sich mit „seiner Marilyn“ unter dem Arm davonstiehlt, leicht verschmitzt und mit der Andeutung eines komplizenhaft wirkenden Lächelns. Als ob er sagen wollte: Ich habe Marylin im Kasten. Aber diese junge Fotografin hier hat jetzt wohl Bert Stern im Kasten...

 

 

Willy Millowitsch zeigt sich sehr anders, als man ihn gemeinhin kennt. Norbert Krötzdörfer schreibt in dem zum Bild gehörenden Artikel in der Welt am Sonntag: „Wir lachen, also ist er. Wir, die Lacher, sind sein Schicksal. Er, der germanische Zwerchfelle gerbt, nennt uns: ‚Seine Majestät, das Publikum.‘ Er schreit das fast.” In den Aufnahmen von Cornelia Vischer zeigt sich uns Millowitsch, der nimmermüde Volksschauspieler, überaus privat und verletzlich. Trotz eines angedeuteten Lächelns sieht man einen in Nachdenklichkeit und Traurigkeit gefangenen Menschen. Und diese Traurigkeit muss von einer solchen Wucht sein, dass sie seinen Dackel sichtlich mit ergriffen hat.

 

Es sind die feinen Nuancen, die von Cornelia Vischer aufgespürt und sichtbar gemacht werden, die Verlorenheit eines Wim Wenders als Zaungast, das beklemmend Morbide in den Portraits von Maria Treben, die sich als Apothekerin Gottes verstand, oder ein Werner Egk, der sich hinter seinem Flügel verschanzt. Bemerkenswert ist ebenfalls das Doppelportrait von Mary Bauermeister und ihrer kleinen Tochter. Es ist in seiner hellen Tonigkeit ein Bild von nahezu greifbarer Weichheit und Zartheit, das in der renaissancehaft anmutenden Dreieckskomposition das Urbild der Muttergottes mit dem Jesuskind anklingen lässt. Bezeichnend ist auch die sehr frühe Aufnahme von Florian Lechner, der für Cornelia Vischer ein prägender Lehrer war. Ihn, der sich als Glaskünstler den immateriellen Qualitäten von Licht und Farbe widmet, hält die Fotografin fest in seinem Atelier, umströmt von gleißendem Licht. Und obwohl seine ganze Statur zu sehen ist, tritt alles Objekthafte, Körperhafte zurück, wird reine Struktur. Es ist ein Bild von nahezu sakralem Charakter. Ein Bild, das bleibt. Cornelia Vischer gelingt es vielfach, Bilder zu schaffen, die uns im Gedächtnis bleiben, weil sie über ein untrügliches Gespür verfügt, für Menschen, für Atmosphäre und für den exakt richtigen Moment. 

 

Insbesondere bei den Aufnahmen von Alltag, Land und Leuten tritt hin und wieder ein subtiler Humor zutage. Bei der Ordensverleihung durch Franz-Josef Strauß im Antiquarium der Münchner Residenz wirkt das Publikum wie eine seltsame Fortsetzung der üppigen Renaissancepracht des Bauwerks, wie ein organisches, in den Raum hineinwucherndes Ornament. Für die Dokumentation eines Tanztees begibt sich Cornelia Vischer auf die Seite des DJ, eines Herrn in mittleren Jahren, mit akkuratem Haarschnitt, weißem Satinjackett, Rüschenhemd und schwarzer Fliege. Er bildet den gleißend-blendenden Kontrapunkt zu dem wie in einem dunklen Hades vollführten Geschiebe jenseits des Tresens, offenbar zu Klängen von Karel Gott und Ähnlichem. Ebenso hintersinnig komisch ist die Aufnahme von Horst Tappert, der wie in einer Filmsequenz festgehalten scheint. Erst auf den zweiten Blick wird erkennbar, dass es sich hier nicht um eine traute Weihnachtsszene handelt, denn in der erhobenen Hand hält Tappert eine Pistole, den Finger am Abzug, doch er hält sie genau so, dass sie sich übergangslos in den Weihnachtsbaumschmuck fügt. Eine schöne Bescherung. Und als ob das nicht schon reichen würde, schweben zwei kreisrunde Leuchter über seinem Kopf und stilisieren Tappert gleich noch zum Engelein. 

 

Die Zeit, in die uns diese Aufnahmen zurückversetzen, ist vergangen. Trotzdem strahlen die Bilder eine enorme Frische und Unverbrauchtheit aus, vielleicht auch, weil sie noch kaum je betrachtet wurden. Man kann von Glück sprechen, dass uns mit dieser Ausstellung und der vorliegenden Publikation das fotografische Werk von Cornelia Vischer endlich wieder zugänglich gemacht wurde.